Gemeinde Breil/Brigels nutzt Energiepotenzial ihres Trinkwassers zur Stromgewinnung

Autor: Andreas Pointinger , 31.12.2018

Neben den Einkünften aus dem Tourismus stellt die Stromproduktion aus Wasserkraft in der Gemeinde Breil/Brigels in der Graubündner Region Surselva einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar.

Mittlerweile zählt die zum Jahreswechsel mit den umliegenden Ortschaften Andiast und Waltensburg/Vuorz fusionierte Gemeinde rund 1.800 Einwohner. „Auf dem Gebiet der Gemeinde befinden sich die Zentrale der Kraftwerke Vorderrhein AG, die Wasserfassung und das Ausgleichsbecken der Kraftwerke Ilanz AG, die gesamten Anlagen der Kraftwerke Frisal AG, das Maschinenhaus der Kraftwerke TOX AG (Tschar) sowie das gemeindeeigene Trinkwasserkraftwerk Dardin. Die Einnahmen der Gemeinde aus der Partizipations- resp. Konzessionsenergie sowie der Wasserzinsen sind von großer Bedeutung“, wird 2012 in der Publikation „Bündner Wald“ des „Bündner Waldwirtschaftsverbandes“ festgehalten.

Hydroenergetisches Potenzial nutzen
Seit ungefähr einem Jahr erzeugt die Gemeinde Breil/Brigels mit einem weiteren Trinkwasserkraftwerk sauberen Strom. „Die ersten Ideen zur Errichtung der Anlage sind bereits vor rund zehn Jahren angestellt worden“, erklärt der für die Wasserversorgung zuständige Gemeindevorstand Heini Hunger: „Bei der damals durchgeführten Inspektion von mehreren Quellfassungen hatte man beschlossen, dass diese aufgrund ihres baulichen Zustandes in der näheren Zukunft saniert werden sollten. Neben der Erneuerung der Trinkwasserleitungen, die von den Quellen ins Wasserreservoir im Gebiert „Ruinas“ führen, wurde durch einen Gemeindebeschluss festgehalten, dass die anstehende Sanierung gleichzeitig zum Bau eines Trinkwasserkraftwerks genutzt werden sollte.“ Aufgrund des Wechsels von Gemeindevorständen und der Abklärung zur Finanzierung des anstehenden Projekts sollten noch mehrere Jahre vergehen, bis die Sanierungsmaßnahmen und der Kraftwerksbau in die Realität umgesetzt werden konnten, führt Hunger noch weiter aus.

Baubeginn im Spätsommer 2016
Im Spätsommer 2016 starteten schließlich die eigentlichen Bauarbeiten. Den Beginn machten die ausführenden Unternehmen mit der Verlegung der neuen Trinkwasserleitungen, wobei man sich von unten nach oben arbeitete. Bei der Materialauswahl der rund 1.150 m langen Leitung setzte man zur Gänze auf hochbeständige Gussrohre. Bis Ende November schritten die Arbeiten laut Hunger zügig voran, danach kam der Schnee und es musste  eine mehrmonatige Winterpause eingelegt werden. Weiter ging es schließlich im Frühjahr 2017 mit den umfassenden Erneuerungen der insgesamt fünf Quellfassungen und der Errichtung der Kraftwerkszentrale. Das Trinkwasser der jeweiligen Quellen, die in Summe rund 350 Gemeindebewohner versorgen, wird durch ebenfalls neue verlegte Rohre zu einem Wasserschloss geleitet. Darin befinden sich mehrere Sensoren, welche die Zuflüsse der einzelnen Quellen rund um die Uhr überwachen. Gleichzeitig übernimmt das Wasserschloss die Verminderung von eventuellen Druckstößen und sorgt für die Niveauregulierung der Kraftwerksanlage.

ANDRITZ Hydro liefert 2-düsiges Kraftpaket
Nach der Fertigstellung der Kraftwerkszentrale folgte in den Frühlingsmonaten bereits die Montage der elektromaschinellen Ausrüstung. Im Rahmen der Ausschreibung konnte sich ANDRITZ Hydro, der Weltmarktführer im Small Hydro-Bereich, den Zuschlag für die Lieferung von Turbine und Generator sichern. Gefertigt wurde die mit zwei elektrisch geregelten Düsen ausgeführte Pelton-Turbine im ANDRITZ-Werk in Jonschwil im Kanton St. Gallen. Zur Stromgewinnung stehen der horizontalachsigen Maschine eine Ausbauwassermenge von 40 l/s sowie eine Bruttofallhöhe von rund 280,7 m zur Verfügung. Bei idealen Zuflussbedingungen, die üblicherweise vor allem während der Schneeschmelze in den Monaten April, Mai und Juni gegeben sind, schafft die Turbine eine Engpassleistung von 81 kW. Zudem kann die pegelgeregelte Maschine durch ihre Ausführung mit zwei Düsen auch bei vergleichsweise geringem Wasserdargebot im Teillastbetrieb effizient Strom produzieren. Als Energiewandler dient ein direkt mit der Turbinenwelle gekoppelter Synchron-Generator. Der Generator ist auf eine Nennscheinleistung von 120 kVA ausgelegt und dreht mit 1.515 U/min. Nach der Turbinierung wird das abgearbeitete Wasser in das unmittelbar nach der Zentrale unterirdisch angelegte Trinkwasserreservoir geleitet und gelangt von dort weiter zu den Endverbrauchern.

Anlage seit einem Jahr am Netz
Mit der Lieferung der kompletten elektrotechnischen Ausstattung und Leittechnik für das neue Kraftwerk wurde die international renommierte Rittmeyer AG beauftragt. Darüber hinaus stellte Rittmeyer auch die Elektrotechnik und Steuerung für die modernisierte Wasserversorgung der Gemeinde bereit. Die elektromechanische Fachplanung und die elektrischen Installationsarbeiten im Krafthaus und am Wasserschloss wurden von „energia alpina“, ebenfalls ein Schweizer Unternehmen aus Sedrun, ausgeführt. Die intelligente Steuerung mit anwenderfreundlicher Visualisierung sorgt bei sämtlichen Betriebszuständen und Zuflussbedingungen für eine möglichst effektive Stromproduktion. Ge­genüber der Stromgewinnung hat für die ­Gemeinde selbstverständlich die sichere ­Aufrechterhaltung der öffentlichen Was­­ser­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­versorgung höchste Priorität. Zu diesem Zweck installierte man in der Kraftwerkszentrale ein Bypass-System. Bei einem Ausfall der Turbine aktiviert sich in Sekundenschnelle automatisch die Umleitung und stellt somit die Wasserversorgung sicher. Im Störungsfall oder bei Unregelmäßigkeiten im laufenden Betrieb alarmiert die Steuerung via Online-Anbindung sofort den Bereitschaftsdienst der Gemeinde. Wassermeister Sandro Casanova und seine Mitarbeiter erhalten die Alarmierung direkt auf ihre Smartphones und können somit unmittelbar der Störung auf den Grund gehen.
Nach einer Bauzeit von etwas mehr als einem Jahr – inklusive Winterpause – ging das Trinkwasserkraftwerk im Oktober des Vorjahres erstmals in Betrieb. Im Gespräch mit zek Hydro zeigten sich die Gemeindeverantwortlichen durchwegs zufrieden mit dem neuen Kraftwerk: „Dass wir durch die Erneuerung der Quellfassungen und Trinkwasserleitungen nun auch zusätzlich Strom erzeugen können, ist natürlich höchst positiv. Während ihres ersten Betriebsjahres hat die Anlage schon sehr ergiebig produziert“ bestätigt Heini Hunger. Im Regeljahr kann das Trinkwasserkraftwerk Ruinas, dessen Produktion den geförderten Tarif der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) erhält, rund 350.000 kWh Ökostrom erzeugen.

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