Neues Kraftwerk an vergessenem Standort

Autor: Roland Gruber , 19.02.2014

Der Grödner Bach dient seit Jahrzehnten der Stromerzeugung. Trotzdem gibt es bis heute verbliebene Möglichkeiten, die Kraft des Bachs energiewirtschaftlich sinnvoll und ökologisch verträglich zu nutzen.

Den Beweis dafür lieferten zwei Südtiroler Privatunternehmer, die einen alten, beinah in Vergessenheit geratenen Kraftwerksstandort im Talschluss des Grödnertals auf dem Gemeindegebiet von Wolkenstein wiederbelebten. Zwei Jahre nahm die Errichtung der  Anlage in Anspruch, deren Herz aus einer vierdüsigen Peltonturbine aus dem Hause Tschurtschenthaler besteht. Das Betreiber-Duo rechnet mit einem Regelarbeitsvermögen von 1,2 bis 1,4 Gigawattstunden im Jahr.

Schon so manch grandiose Idee wurde bei einem Bierchen in einem gemütlichen Gastgarten geboren. Ein schönes Beispiel dafür ist das neue    Wasserkraftwerk im Grödnertal, das gemeinsam von Dipl.-Ing. Christian Leimegger und seinem Kompagnon Dipl.-Ing. Philipp Senoner  entwickelt, finanziert und verwirklicht wurde. „Vor ein paar Jahren haben mein Geschäftspartner und ich uns in München, wo wir beide früher studiert hatten, getroffen - und dabei haben wir auch über die Möglichkeit und Durchführbarkeit eines Kraftwerksprojektes in dem Bereich der Skipiste oberhalb von Wolkenstein gesprochen. Langsam wurde aus dieser Idee dann ein immer konkreterer Plan“, erzählt Christian Leimegger, der einerseits als studierter Elektrotechniker und andererseits als Betreiber und Errichter von Wasserkraftanlagen selbst über großes Know-how auf dem Gebiet verfügt. Nachdem die beiden Initiatoren übereingekommen waren, das Vorhaben in Angriff zu nehmen, ging Leimegger daran, das Einreichprojekt zu erarbeiten, während sein Partner die ökologischen Gutachten in Auftrag gab.

SPUREN ALTER K.U.K.-TECHNIK
„Unsere Zuversicht, das Projekt erfolgreich auf den Weg zu bringen, wurde aber leider schnell getrübt, nachdem wir von den Behörden einen  negativen Bescheid erhielten. Die Schutzwürdigkeit in diesem Gewässerabschnitt wurde vor allem damit begründet, dass es dort noch nie eine  Nutzung durch den Menschen gegeben habe“, führt Leimegger weiter aus. Doch gerade diese Begründung machte die Beiden ein wenig stutzig,  schließlich hatten sie unweit der geplanten Wasserfassung deutliche Überreste einer alten, bereits stark verfallenen und verwitterten Wehranlage  entdeckt. Grund genug für die findigen Südtiroler, der Sache auf den Grund zu gehen. Leimegger: „Ich habe dann in einigen  Archiven recherchiert - in Bozen, Innsbruck und in Wien. Und bin fündig geworden. Offenbar wurde hier sehr wohl schon einmal ein  Wasserkraftwerk betrieben - und zwar zu Zeiten des Ersten Weltkrieges und vielleicht sogar ein paar Jahrzehnte darüber hinaus.“ Bekannt ist,  dass der Frontnachschub für die Truppen der k.u.k Monarchie im Ersten Weltkrieg durch das Grödnertal erfolgte. Schließlich stand die deutsch-  österreichische Front bei Arraba im Buchensteintal. Und es existieren Belege dafür, dass mittels zweier Seilbahnen das nötige Kriegsmaterial  über das Grödnerjoch transportiert wurde. Für diese Bahnen brauchte es Strom - und dafür wurde offenbar jenes Kraftwerk am Grödner Bach  angelegt. Laut den Recherchen von Christian Leimegger wurde es nach dem Krieg zumindest einige Jahre von einem Hotelier weiterbetrieben.  Aber im Laufe der Geschichte fiel es offenbar dem Verfall anheim und geriet in Vergessenheit. Doch die verbliebenen steinernen „Zeugen“ der  alten Anlage waren für Christian Leimegger und seinen Kompagnon höchst wertvoll. Schließlich konnte damit der Negativbescheid entkräftet  werden. Da sich das Kraftwerk zu 100 Prozent auf Gründen der Gemeinde Wolkenstein, wurde diese mit 14 Prozent am Umsatz beteiligt.

WIDRIGKEITEN IM PROJEKTVERLAUF
Nachdem einer Umsetzung des Kraftwerks im Herbst 2009 nichts mehr im Wege stand, konnten die Bauarbeiten starten. Doch reibungslos sollte auch der Bauverlauf nicht vonstatten gehen, so manch unliebsame Überraschung sollte noch auf die Bauherrn warten. „Da sich die etwa  950 m lange Rohrtrasse entlang einer nicht übermäßig steilen Skipiste erstreckt, die gut mit Baufahrzeugen zugänglich ist, waren wir davon ausgegangen, dass die Rohrverlegung absolut problemlos sein sollte. Aber da hatten wir die Rechnung nicht mit Widrigkeiten - wie rutschenden Hängen oder etwa einer unüberschaubaren Einbausituation von Infrastrukturleitungen - gemacht. Zwei Hänge mussten wir sanieren und eine  Mittelspannungsleitung erneuern, die ein Bagger bei den Grabungsarbeiten abgerissen hatte. Wir waren wirklich höchst verblüfft, dass im Untergrund der Skipiste so ziemlich jede Leitung anzutreffen war, die es im menschlichen Siedlungsgebiet heute gibt: von Stromund Telekomkabeln angefangen über Lichtwellenleiter bis hin zu Trinkwasser- und Gasleitungen. Außerdem waren in der Skipiste noch die  Beschneiungsanlage und die Abwasserleitung, die beim Krafthaus verlegt werden musste“ Ein weiterer Grund, warum die Arbeiten nicht ganz so  schnell abliefen, wie man das ursprünglich gehofft hatte, lag einfach an der geographischen Lage der geplanten Wasserfassung. Im Schatten  des Sellamassivs auf knapp 1.700 Meter Seehöhe beginnt der Winter schon früh im Herbst und endet erst im späten Frühling. „Als wir Anfang  Oktober 2009 mit dem Bau begannen, ging sich gerade noch die Errichtung der Zufahrtsstraße aus. Dann sorgte der einsetzende Winter schon  für die erste Pause.“ Eine weitere Verzögerung folgte wenige Monate später, als es hieß, das Krafthaus müsste weiter nach unten verlegt werden.  Für die Projektbetreiber bedeutete dies eine Umprojektierung und alle damit verbundenen Behördenwege für die entsprechenden  Genehmigungen. Erst im August 2010 konnte dann mit der Rohrverlegung begonnen werden. Bei der Wahl des Rohrmaterials vertraute das  Betreiber-Duo auf Guss aus dem Hause Duktus mit einem Rohrdurchmesser von DN600. Das Krafthaus, das nach den neuen Plänen nun wie ein  Verlängerungsteil an das Bauhof-Gebäude der Gemeinde Wolkenstein angebaut werden sollte, konnte gerade noch im Spätherbst letzten  ahres fertig gestellt werden, ehe wieder der Winter über das Grödnertal hereinbrach. „Wir haben bis Ende November gerade noch die Decke raufgebracht. So konnten wir wenigstens ab März mit den Restarbeiten beginnen, bevor die Maschinen geliefert wurden“, so Leimegger.

REINES TRIEBWASSER - DANK GRIZZLY
Als kleine Besonderheit des Kraftwerks kann die Wasserfassung angesehen werden. Sie wirkt zwar auf den ersten Blick wie ein klassisches Tirolerwehr, ist es aber nicht. Schließlich ist direkt unterhalb des Grobrechens ein Coanda-Rechen installiert, ein bewährtes, selbstreinigendes  Sieb, das seine Ursprünge im Bergbau hat. Die Betreiber vertrauten dabei auf den so genannten „Grizzly“, dem Patent des Südtiroler Herstellers  Wild Metal. Er besteht aus einem robusten feuerverzinkten Stahlgitter und einem darunterliegendem Feinsieb, die Form der oberen  Schutzstäbe wurde der Linie des natürlichen Wasserflusses angepasst. Durch den Coanda-Effekt - Flüssigkeit folgt einer Oberfläche - kombiniert mit dem Abscher-Effekt der Profilstäbe fließt das Wasser in die Fassung und verhindert somit auch das Eindringen kleinerer Gewässerlebewesen  in das Triebwassersystem. Dies macht den „Grizzly“ auch aus ökologischer Sicht sehr interessant. „Durch den Coanda-Rechen gelangt nur mehr  sehr wenig Sedimentmaterial in den Sandfang. Dadurch müssen wir den Entsander voraussichtlich nur einmal jährlich bei hoher Wasserführung  spülen, womit eine nur sehr geringe Eintrübung des Fließgewässers einhergeht“, meint der Betreiber.

WASSERMANGEL IM WINTER
Von der Wasserfassung überwindet das Triebwasser eine Bruttofallhöhe von 134 Meter, ehe es zum Maschinenhaus gelangt, in dem eine  vertikalachsige vierdüsige Peltonturbine aus dem Hause Tschurtschenthaler installiert ist. Die Variante mit vier Düsen war für die Betreiber  unumgänglich, da der Grödner Bach - speziell in diesem Bereich, unweit seines Ursprungs - jahreszeitlich bedingte, starke Schwankungen der  Wasserführung aufweist. „Noch fehlen uns hier die Erfahrungswerte. Es sieht aber so aus, dass im Winter das Wasser so weit zurückgeht, dass wir vielleicht auch manchmal die Anlage stillsetzen müssen“, erklärt der Betreiber. Natürlich hängt dies auch mit der Restwassermenge zusammen, die von Dezember bis Anfang April mit 75 l/s - und die restliche Zeit mit 175 l/s vorgeschrieben ist. Keine geringe Mengen, wenn  man bedenkt, dass die maximale Ausbauwassermenge 420 l/s beträgt. Ausgelegt auf diesen Ausbaudurchfluss und die Fallhöhe von 134 Meter  bringt die Peltonturbine von Tschurtschenthaler eine Maximalleistung von 480 kW. Die mittlere Ausbauleistung liegt bei 288 kW. Warum die  Wahl auf eine Turbine des Herstellers aus dem Südtiroler Sexten fiel, ist für Leimegger einfach erklärt: „Schon mein Vater hat mit Paul  Tschurtschenthaler zusammengearbeitet. Ich kenne daher ihn und seine Firma sehr gut. Es ist ein gutes Gefühl, dass man sich auf das Produkt,  aber auch auf Vereinbarungen wie Liefertermine, Service etc. zu 100 Prozent verlassen kann." Mit 750 Umdrehungen pro Minute treibt  das Peltonlaufrad einen direkt gekuppelten, bürstenlosen Synchrongenerator (Fabrikat Hitzinger) an. Seit Juni dieses Jahres läuft das Kraftwerk  im Probebetrieb, speist kontinuierlich Strom ins Netz der SELNET. Wie viel Strom die Anlage nun im Regeljahr erzeugen wird, kann Christian  Leimegger noch nicht genau beziffern: „Die Erzeugung wird wohl so zwischen 1,2 und 1,4 GWh liegen“. Ob der passionierte Wasserkraftbetreiber aus Südtirol schon einen nächsten Kraftwerksplan in der Schublade hat, will er nicht bestätigen. Fest steht jedoch, dass er sich mit seinem alten Studienfreund wohl sicher wieder einmal auf ein kleines Bierchen treffen wird.

Bericht aus zek HYDRO - Oktober 2011

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Südtiroler-oberösterreichisches Maschinengespann

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Die vierdüsige Peltonturbine (480 kW) von der Firma Tschurtschenthaler treibt einen Synchrongenerator von Hitzinger an. Das Maschinenduo erzeugt im Jahr rund 1,2 bis 1,4 GWh Ökostrom. (Foto: Leimegger)