KW Faltenbach ans Netz gegangen

Autor: Roland Gruber , 18.02.2014

Nach rund zweijähriger Bauzeit konnte in Deutschlands südlichster Marktgemeinde Oberstdorf das neue Kraftwerk Faltenbach den Betrieb aufnehmen.

In einem Gemeinschaftsprojekt von Energieversorgung Oberstdorf GmbH (EVO) und dem „Verein der ehemaligen Rechtler“ wurde ein Kraftwerk realisiert, das als erweiterter Ersatzbau für das alte Trinkwasserkraftwerk - Baujahr 1928 - am Kühberg zu sehen ist. Mit modernster Wasserkrafttechnik aus dem Hause Troyer AG wird im Vergleich zur alten Anlage nun gleich sechsmal mehr Strom erzeugt. Darüber hinaus wurden im Rahmen eines umfangreichen Renaturierungs- und Ausgleichskonzeptes auch der Natur und der Landschaft im bekannten Oberallgäuer Tourismusort Rechnung getragen.

Dass man die potenzielle Energie des Trinkwassers in einer Gemeinde mit einer Topographie wie jener von Oberstdorf  auch zur Stromerzeugung nutzen kann, war den Elektrizitätspionieren in der Oberallgäuer Gemeinde      schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts klar. Und so errichtete die Gemeinde 1928 direkt neben dem  Hochbehälter ein kleines Krafthaus, in dem das Wasser aus einer Quellfassung von einer einstrahligen Peltonturbine abgearbeitet wurde, bevor es in den Trinkwasserleitungen verteilt wurde. Mit installierten 120 kW lieferte das Werk immerhin 700.000 kWh im Jahr. „In den 1960ern wurde die Trinkwasserversorgung aus diesen Quellen eingestellt. Vor allem deshalb, weil Abwässer vom Nebel-horn die Quellen beeinträchtigt hatten. Das Kraftwerk wurde aber weiter betrieben“, erklärt Hans-Peter Hagenauer, Prokurist der Energieversorgung Oberstdorf, der  mitverantwortlich für den Kraftwerksbau war. Abgesehen von kleineren Anpassungen - wie etwa einem Generatortausch - lief das Kleinkraftwerk als eines von vier Kraftwerken der EVO weiter bis vor zwei Jahren. „1996 hat man sich erstmals die Frage nach dem Ausbau der alten Anlage gestellt. In der Folge wurde zwar ein Gutachten erstellt, das Vorhaben letztlich aber nicht konsequent weiter verfolgt. Erst 2003 wurde es dann konkret, als der Aufsichtsrat der Energieversorgung Oberstdorf GmbH die Planungen wieder aufnahm“, erzählt Peter Müller, Geschäftsführer der EVO. Nachdem die enehmigungsverfahren im Jahr 2007 auf die Zielgerade eingebogen waren, führte ein Bürgerbegehren gegen den Kraftwerksbau das Projekt erneut in die Warteschleife. Glücklicherweise nicht für lange, schließlich fiel - bei unerreichtem Quorum - das Votum doch zugunsten des Bauvorhabens aus. Im April 2008 beschloss die Gemeinde, das neue Kraftwerk am Faltenbach zu bauen. Als Besitzgesellschaft wurde die Kraftwerk Faltenbach GmbH & CoKG gegründet, die zu je 50 Prozent von der  Energieversorgung Oberstdorf GmbH und dem „Verein der ehemaligen Rechtler“ gehalten wird. Die Be - triebs führung  obliegt der Energieversorung Oberstdorf GmbH. Als 2009 in weiterer Folge die wasserrechtliche Genehmigung vorlag, konnte noch im Spätherbst mit der Errichtung der Baustraße begonnen werden. Im Dezember,  gerade noch vor Wintereinbruch, war diese fertiggestellt.

REGEN BRINGT HANG IN BEWEGUNG
Nach der  Schneeschmelze sollten die eigentlichen Baumaßnahmen starten. Doch gerade als die Arbeiten im Juni  2010 Fahrt aufnahmen, passierte das Unglück: rund 150 Meter unterhalb der geplanten Wasserfassung kam es in  einem Bereich von rund 100 Meter nach starken Niederschlägen über Wochen zu mehreren Hangrutschen. Zum Glück  waren keine Personen zu Schaden gekommen, jedoch wurde ein sofortiger Baustopp angeordnet. In der Folge waren  Tekturplanungen, geologische Gutachten und weitere behördliche Genehmigungen erforderlich, um das Bauvorhaben  wieder aufnehmen zu können. Bis dahin waren allerdings schon wieder einige Monate vergangen, erst im Oktober  2010 wurde für die Arbeiten in diesem Bereich wieder grünes Licht erteilt. „Dieser Teilabschnitt mit dem Hangrutsch hat uns mehr Zeit und Nerven gekostet als der gesamte Kraftwerksbau“, schildert Franz Berktold, Vorsitzender des  „Vereins der ehemaligen Rechtler“ und Geschäftsführer der Kraftwerk Faltenbach GmbH & CoKG, diese heikle  Projektphase. „Es hat uns natürlich auch gezeigt, dass man trotz sorgfältigster Planung in alpinem Gelände stets ein  gewisses Restrisiko mit einkalkulieren muss. Am Ende schlugen sich zwar höhere Bau- und Renaturierungskosten zu  Buche, allerdings ist heute die Standfestigkeit der Druckrohrleitung durch die erfolgten Verbauungen gewährleistet“, so Peter Müller, Geschäftsführer der Kraftwerk Faltenbach GmbH & CoKG Der Abschnitt wurde in der Folge mit Stahlankern und Spritzbeton gesichert. Von April bis Juli dieses Jahres konnte letztlich der fehlende Teil der  Rohrleitung im Problembereich der Trasse fertiggestellt werden.

RECHEN MIT SELBSTREINIGUNGSEFFEKT
Grundsätzlich wurde das Kraftwerk entsprechend der umfangreichen, wirtschaftlichen Studien von 1996 umgesetzt. Das Konzept umfasste eine Fassung über ein Tiroler Wehr mit einem Sandfang, eine knapp 1,47 km langen  Druckrohrleitung DN 600 sowie ein Krafthaus direkt an der Trettach, in direkter Nachbarschaft zur Talstation der Nebel-hornbahn. Im Detail wurde auf 1.100 Meter Seehöhe eine Wasserfassung errichtet, in der viel alpines Wasserkraft- now-how steckt. So wurde etwa ein Coanda-Rechen, Typ „Grizzly“ vom Südtiroler Hersteller Wild Metal, installiert. Dabei handelt es sich um ein zum Großteil selbstreinigendes Schutzsieb. Durch die geringe Spaltweite ist der  Sandeintrag in die Wasserfassung äußerst gering. „Tatsächlich werden am Coanda-Rechen schon so große Mengen an  Sedimenten abgeschieden, dass wir höchstens alle paar Monate einmal den Sandfang spülen müssen“, bestätigt  ans- Peter Hagenauer. Über zwei Restwasserabflussöffnungen im Sandfang wird die konstante Sommer- und Winterdotation abgegeben. Der zuflussabhängige dynamische Restwasseranteil in der Höhe von 20 Prozent wird über  inlage- Bleche auf dem Tirolerwehr abgeleitet. Von der Fassung gelangt das Triebwasser weiter in die  Druckrohrleitung, die aus Rohren aus duktilem Guss vom französischen Hersteller Saint-Gobain besteht. Die  Rohrleitung wurde in zug- und schubfester Ausführung verlegt. 270 Meter überwindet das Wasser in der 1.466 m  langen Druckrohrleitung, ehe es zur Turbine im Maschinenhaus gelangt.

EFFIZIENZ IM MASCHINENHAUS
Optisch wurde das Maschinenhaus so gestaltet, dass die Technik im Inneren für Interessierte sichtbar wird. Große  Glasflächen erlauben einen Blick auf das Herz des Kraftwerks: eine vierdüsige Peltonturbine aus dem Hause Troyer  AG, die einen bürstenlosen Drehstrom- Synchrongenerator - Fabrikat Hitzinger - antreibt. Zwar hatte die EVO noch  keine Erfahrungen mit Turbinen von der Troyer AG gemacht, doch das hohe technische Niveau überzeugte die  erantwortlichen recht schnell. Hagenauer: „Im Vergleich mit allen Anbietern hat die Turbine der Troyer  AG am besten  abgeschnitten, vor allem der Wirkungsgrad hat uns beeindruckt. Unser beauftragtes Planungsbüro hat sich in der Folge auch selbst ein Bild von Referenz an -  lagen gemacht, die von Troyer ausgerüstetworden waren. Und das war  etztlich ein weiterer, dicker Pluspunkt für das Südtiroler Unternehmen.“ Was darüber hinaus für die Troyer AG sprach,  war die Option für den Kunden, die komplette elektromaschinelle Ausstattung vom Sterzinger Traditionsunternehmen zu beziehen. Ein Ansprechpartner für alle Fragen in Sachen Maschinen- und Steuerungs- bzw. Leittechnik - auch dieser Kundenvorteil wurde von den Projektbetreibern gutgeheißen. Die vierdüsige Peltonturbine mit einer Nenndrehzahl von  1.000 Upm ist bei einer Ausbauwassermenge von 690 l/s und einer Nettofallhöhe von 245 m auf eine Ausbauleistung von 1.490 kW ausgelegt. Im Regeljahr kann die Anlage 50 Tage auf Volllast betrieben werden. Die mittlere  Jahresleistung wird mit rund 440 kW angegeben. Der Maschinensatz, der sich nicht nur durch die hohen  Wirkungsgrade und durch die bekannt hohe Verfügbarkeit auszeichnet, besticht zudem durch einen geräuscharmen Betrieb. In Summe wird das Maschinengespann jährlich rund 4 Mio. kWh erzeugen.

ORT MIT WASSERKRAFT-PERSPEKTIVE
Mit dieser Erzeugungskapazität ist das neue Kraftwerk Faltenbach nun das zweitstärkste Kraftwerk der vier Anlagen  der Energieversorgung Oberstdorf. In Summe produziert das Quartett rund 20 Mio. kWh im Jahr. „Für uns bedeutet  das, dass wir alleine mit Wasserkraft rund 40 Prozent des Strombedarfs in Oberstdorf abdecken. Zählt man alle  regenerativen Energiequellen zusammen, erreichen wir rund 50 Prozent“, rechnet Hagenauer. Sieht man sich die  weiteren Perspektiven der Oberallgäuer Gemeinde an, die flächenmäßig immerhin die drittgrößte Bayerns ist, so  scheint in Sachen Wasserkraft noch einiges möglich zu sein: Zwölf weitere, potenzielle Standorte für Wasserkraftwerke sind im Ge-spräch. Erst unlängst wurde im Rahmen einer Gemeinderatssitzung deren Realisierbarkeit diskutiert.  Würden alle zwölf dieser möglichen Anlagen verwirklicht, würde dies für Oberstdorf den Sprung in die rechnerische  Selbstversorgung bedeuten. Die ganze Gemeinde könnte vollständig über Strom aus Wasserkraft versorgt werden.  Dass nun alle Pläne in die Tat umgesetzt werden, erscheint derzeit unwahrscheinlich. Doch die Zustimmung für die  Wasserkraft hat sich in der Bevölkerung nach dem Atomunfall in Japan noch weiter verstärkt. Und hinzukommt, dass  heute in Oberstdorf jeder anhand des neuen Kraftwerks Faltenbach sehen kann, wie moderne, effiziente und  umweltfreundliche Wasserkraftnutzung funktioniert. Die Anlage selbst ist die beste Werbung.

Bericht aus zek HYDRO - Oktober 2011

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Turbinentechnologie aus Südtirol

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Im neuen Kraftwerk Faltenbach kam eine vierdüsige Peltonturbine vom Sterzinger Traditionshersteller Troyer AG zum Einsatz.