Wegbereiter der Kleinwasserkrafttechnik: Kössler feiert den 90. Geburtstag

Autor: Roland Gruber , 11.07.2018

Mehr als 200 geladene Gäste waren nach St. Georgen am Steinfelde gekommen, um am 17. und 18. Mai mit dem  Wasserkraftspezialisten Kössler ein bemerkenswertes Jubiläum zu feiern: 90 Jahre.

Ein Meilenstein, der Anlass gab, auf viele vergangene zurückzublicken. In den zwei Tagen vermittelte das Voith-Tochterunternehmen Einblicke in die lange Geschichte, stellte aktuelle innovative Lösungen vor und zeigte, welche Perspektiven Energiegewinnung aus Wasserkraft besitzt. Das 1928 von Alois Kössler gegründete Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der führender Hersteller der Kleinwasserkrafttechnik entwickelt und nimmt darin heute einen Platz an der Weltspitze ein.

Mit großem Pioniergeist hatte Alois Kössler 1928 sein Unternehmen im niederösterreichischen Wilhelmsburg gegründet und in wenigen Jahren als zuverlässigen Reparaturbetrieb für Maschinen und Generatoren in der Region etabliert. Der Umzug an den heutigen Firmenstandort in St. Georgen erfolgte sechs Jahre später. In der Folge begann Kössler damit, eigene Turbinen und Regler für die Kleinwasserkraft zu bauen. Ein wegweisender, wenngleich mühsamer Schritt: Wie schwierig es zu dieser Zeit war, sich auf einem kaum überschaubaren Markt zu behaupten, rief Ing. Josef Lampl, der vormals langjährige Geschäftsführer der Firma Kössler, heute Global Product and Application Manager der Small Hydro Division des Mutterkonzerns Voith Hydro, dem Auditorium im Rahmen seiner Festrede in Erinnerung: „Ohne Internet und den heute bekannten Kommunikationsmittel gab es keine global vernetzte Wirtschaft, ja kaum eine lokal vernetzte. Man wusste vielleicht noch im benachbarten Pielachtal von der Firma Kössler in St. Georgen, aber im nördlichsten Teil von Niederösterreich kannte Kössler damals wahrscheinlich kaum jemand. Kunde und Unternehmen mussten demnach erst einmal zusammengebracht werden – was damals wie heute bedeutet: Der Eigentümer und seine Mitarbeiter mussten täglich ihre Leistung erbringen, um den wirtschaftlichen Fortbestand des Unternehmens zu sichern.“ Speziell in den wirtschaftlich so turbulenten Zeiten der 1930er Jahre ein alles andere als einfaches Unterfangen.

Keine Produkte für den Krieg
Wenige Jahre später, als die Wirren des Zweiten Weltkriegs das Land erschütterten, sollte sich erstmalig zeigen, dass Kössler ein ganz besonderes Produkt anzubieten hatte. „Während alle produzierenden Betriebe in die Rüstungsindustrie gezwungen wurden, konnte Kössler weiterhin seine Turbinen erzeugen. Schließlich waren die Turbinen für die Strom­erzeugung der entlegenen Bauernhöfe unverzichtbar, damit diese die landwirtschaftlichen Produkte zur Versorgung der Bevölkerung herstellen konnten“, verwies Lampl auf einen historischen Aspekt, auf dem man bei Kössler noch heute zu Recht stolz ist. Nach der Be­satzungszeit, in der das Unternehmen unter sowjetischer Verwaltung stand, ging es wieder in Privatbesitz über. Von da an standen die Zeichen auf Expansion. Neben Turbinen und Generatoren wurden auch Sägegatter hergestellt. Um die „fernen“ Märkte Salzburg und Steiermark zu erschließen, installierte Kössler ein eigenes Büro im oberösterreichischen Gmunden. Das Unternehmen blieb weiterhin auf Wachstumskurs.

Zweite Generation bringt frischen Wind
Anfang der 1970er Jahre übernahm mit Ing. Erich Kössler die zweite Generation die Führung des Unternehmens. Er sollte maßgeblichen Anteil am Erfolgslauf und an der heutigen Position von Kössler haben. Unter der Führung des Sohnes von Alois Kössler, der zwischen 1970 und 1985 die Geschicke des Betriebs leitete, begann man, erstmalig Märkte außerhalb der sogenannten DACH-Staaten zu bearbeiten. „Erich Kössler war ebenfalls ein Pionier – und ein Rebell“, sagte Lampl und fügte erklärend hinzu: „Es gab für ihn zwei ganz wichtige Themen, die ihn umtrieben: Erstens den Export der Produkte nach ganz Europa, und zweitens die Bedrohung durch die aufkommende Atomindustrie und Kohlekraftwerke. Bevor damals noch jemand von saurem Regen oder Treibhauseffekt sprach, war ihm schon die Bedeutung von sauber erzeugtem Strom aus Wasserkraft bewusst. Und das wurde er auch nicht müde, lautstark zu artikulieren.“ Die Arbeit des umtriebigen Firmenchefs und seiner Belegschaft sollte in der Folge Früchte tragen. Die Exportquote in den 1980-er Jahren stieg auf über 80 Prozent. Zugleich wurden die Betriebshallen und Büros ausgebaut, das Unternehmen zählte alsbald 130 Mitarbeiter.

Kössler investiert in eigene Technologie
Unerwartet und viel zu früh wurde Erich Kössler 1985 aus dem Leben gerissen. Nachdem der erste Schock über den Verlust des Firmeninhabers überwunden war, übernahm Ing. Werner Panhauser die Geschäftsführung. Er erwarb Anteile am Unternehmen und führte den Betrieb ganz im Sinne Erich Kösslers weiter. Mit Erfolg: Die Exporte stiegen weiter an, es entstanden Kössler Iberica und Steel Industries Kerala. In der Folge setzte man verstärkt auf Investitionen in die eigene Technik – sowohl was das Produkt an sich, als auch was den Maschinenpark betraf. Einen weiteren Aufschwung erlebte das Unternehmen nach dem Bekenntnis der europäischen Staaten zu den im Kyoto-Vertrag beschlossenen Klimaschutzzielen im Jahr 1997. Zahlreiche Regierungen setzten bei der Stromerzeugung auf erneuerbare Energien, wovon Kössler profitierte. Die steigende Nachfrage gab dem Kleinwasserkraftspezialisten die Möglichkeit zur Entwicklung neuer Technologien. Beispielsweise gilt die Kaplan-Rohrturbine mit innenliegendem Generator im Small Hydro Segment als absolute Innovation, ebenso wie der StreamDiver, jene Kompaktmaschine, die später gemeinsam mit dem Mutterkonzern Voith Hydro entwickelt worden ist.

Teil der Voith-Familie
Dass Kössler 2007 Teil des international agierenden Voith Konzerns werden sollte, könne im Nachhinein als logischer Schritt in die richtige Richtung gewertet werden, wie Josef Lampl näher erläuterte: „Als Voith 2007 das Angebot machte, Kössler als Spezialisten für Kleinwasserkraft zu erwerben, zeugte es von viel Weitsicht der Verantwortlichen – der ­Familie Kössler und Geschäftsführer Panhauser –, das Angebot anzunehmen. Angesichts der globalisierten Wirtschaft, der rasant fortscheitenden Technologie und des stetig steigenden Wettbewerbsdruckes war Voith der richtige Eigentümer für Kössler. Und so kam es im Dezember 2007 zur 100%igen Übernahme durch Voith Hydro St. Pölten. Das Unternehmen Voith und die Eigentümerfamilie sind bekannt dafür, dass sie halten, was sie versprechen. Und so wurde in Kössler investiert und ausgebaut. Das Unternehmen ist heute dort angelangt, wo es die Gründer immer sehen wollten: Als Marktführer in der Kleinwasserkraft, gut eingebettet in einen Familienbetrieb und ein Technologiezentrum für Small Hydro weltweit.“

Mit dem Blick nach vorne
Natürlich ließ sich der Vorsitzende der Geschäftsführung von Voith Hydro, Uwe Wehnhardt, die 90-Jahr-Feier des Tochterunternehmens nicht entgehen. Er betonte in seiner Festrede die Bedeutung, die Kössler als Teil der großen Voith-Familie mittlerweile erlangt hat: „Seit nun mehr als zehn Jahren ist die Erfolgsgeschichte von Kössler auch Teil von Voith – und auch heute noch sind wir überzeugt von unserer Entscheidung und der Aufnahme dieser Tochter(-gesellschaft) in die Voith Familie. Diese Familie ist ein großes, internationales Netzwerk mit zahlreichen Standorten, tausenden Mitarbeitern und innovativen Lösungen, mit denen wir weltweite Trends bedienen. Dazu zählt nicht nur der Markt für erneuerbare Energien, auch Mobilität, ein verantwortungsvoller Umgang mit Rohstoffen und die Digitalisierung beschäftigen uns bei Voith jeden einzelnen Tag“, so Wehnhardt. Ebenso wie Josef Lampl weist er auf die Parallelen in der Entwicklung von Voith und Kössler hin. Auch der Mutterkonzern entsprang großem Pioniergeist und steht heute – so wie Kössler – für Tradition, Erfahrung und Qualität. Voith beging im letzten Jahr sogar das große 150-jährige Firmenjubiläum. „Doch auf einer erfolgreichen Vergangenheit darf man sich niemals ausruhen! Das Jubiläumsjahr stand unter dem Motto ‚Welcome to the next 150 years‘. Denn es zählt der Blick in die Zukunft, das Meistern der nächsten Herausforderungen und die damit verbundene Chance, immer auch einen Schritt voraus zu sein. Und das gilt selbstverständlich auch für Kössler“, richtet Wehnhardt die Perspektive nach vorne.

Leuchtturmprojekte vor den Vorhang
Dass Kössler heute mit seinen Small und Mini Hydro Lösungen zentraler Bestandteil des Portfolios von Voith Hydro ist, von dem beide Seiten profitieren, konnte am besten durch so genannte Best-Practice-Beispiele unterstrichen werden. Aus diesem Grund nahm die Präsentation von Leuchtturmprojekten wesentlichen Raum im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung ein. Mit der Vorstellung herausragender Projekte der vergangenen Jahre veranschaulichte Kössler, weshalb das Unternehmen mit seinen Lösungen heute eine Vorreiterrolle im Bereich Kleinwasserkraft einnimmt. Vorgestellt wurden unter anderem die 14 Kleinwasserkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 18,5 Megawatt, die das Unternehmen in Schottland für seinen Kunden Green Highland Renewables in den vergangenen Jahren gebaut hat. Ein weiteres Highlight sind die drei Kleinwasserkraftwerke Qorlortorsuaq, Sisimitu und Ilulissat in Grönland. Sie werden als Inselnetze betrieben und ersetzen die bisher dort eingesetzten Dieselaggregate. Die Technik von Kössler trägt dazu bei, den CO2-Ausstoß in der sensiblen Umwelt Grönlands zu reduzieren. Präsentiert wurde dem internationalen Fachpublikum auch die Turbinenlösung für das Kraftwerk Medna in Bosnien-Herzegowina. Für den Betreiber, den Kärntner Energieversorger Kelag, lieferte Kössler mit Unterstützung des Mutterkonzerns eine Kaplanturbine mit 7-flügeligem Laufrad, das auch unter den schwierigen Anforderungen bei 47 Meter Fallhöhe besteht.

Neuentwicklungen und Perspektiven
Vorträge über die Perspektiven der Energiegewinnung aus Wasserkraft, die Bedeutung der Kleinwasserkraft in den kommenden Jahren sowie über neue technologische Entwicklungen von Kössler rundeten die Redebeiträge ab. Als Keynote-Redner konnte Kössler Dr. Otto Pirker, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Wasserkraft innerhalb der Eurelectric, dem europäischen Verband der Elektrizitätsversorgungs­unternehmen (EVU) in Brüssel, gewinnen. Seiner Ansicht nach spielt Wasserkraft auch in Zukunft eine dominierende Rolle unter den erneuerbaren Energieträgern. „Im Vergleich zu Wind und Sonne hat Wasserkraft eine unvergleichlich höhere Verfügbarkeit und kann alle Arten von Netzdienstleistungen und Flexibilitätsprodukten bereitstellen. Sie ist somit der ideale Partner von Wind und Sonne im Energiesystem“, so Pirker. Zugleich betonte er, dass permanentes Lobbying für die Wasserkraft unabdingbar sei. Schließlich würden letztlich alle Eckpfeiler der Energie- und Umweltpolitik in Brüssel gesetzt.

Ausklang auf der Donau
Als optimaler Rahmen für die Vorträge wurde von der Tagungsorganisation der Stadtsaal St. Pölten im DC Hotel der niederösterreichischen Landeshauptstadt gewählt. Die eigentliche Festveranstaltung fand allerdings am Abend in der festlich dekorierten und auf Hochglanz geputzten Montagehalle des Wasserkraftunternehmens statt. Sowohl das mehrgängige Festmenü als auch das Rahmen­programm mit den Festreden, sowie der musikalischen Umrahmung mit jazzigem Sound fanden großen Anklang bei den Besuchern. Natürlich durfte auch die obligatorische Geburtstagstorte nicht fehlen, die von den Verantwortlichen und Ehrengästen unter großem Applaus angeschnitten wurde. Abgerundet wurde die Veranstaltung mit der Exkursion zum Donaukraftwerk Melk am zweiten Tag und der darauffolgenden Schifffahrt durch die Wachau – von Melk nach Krems. Damit fand die bemerkenswerte Jubiläumstagung der Firma Kössler auf der Donau einen würdigen Ausklang.

Kompetenzzentrum für Kleinwasserkraft
Seit 2007 ist Kössler nun Teil des Voith Konzerns – eine Partnerschaft, von der beide Seiten profitieren „Vor allem im Bereich der technologischen Entwicklung ergeben sich immer wieder Synergien“, sagt Robert Schuhmayer, seit März 2018 CEO von Kössler, und ergänzt: „Nur wenige unserer Mitbewerber können auf dieses sehr hohe Technologielevel zurückgreifen.“ Zukünftig will Schuhmayer, der lange Jahre als CFO bei Voith Hydro in Österreich gearbeitet hat, die Rolle Kösslers als technologisches Kompetenzzentrum für den Bereich Small Hydro innerhalb des Voith Konzerns weiter ausbauen. Die Basis dafür ist überaus gut. Schließlich versammelt Kössler alle Kernkompetenzen von der Turbinen- und Modellentwicklung über die Konstruktion und Fertigung bis hin zum After-Market-Service unter einem Dach – und ergänzt diese mit 90 Jahre Know-how.

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Anschnitt der Geburtstagstorte beim offiziellen Festakt: Josef Lampl, Global Product & Application Manager bei Voith Hydro und ehemaliger Kössler CEO; Ralf Burbaum, Head of Small Hydro bei Voith Hydro; Franz Gunacker, Vizebürgermeister der Stadt St. Pölten; Dr. Stephan Pernknopf, Landeshauptfrau-Stellvertreter von Niederösterreich; Robert Schuhmayer, CEO von Kössler und Uwe Wehnhardt, Vorsitzender der Voith Hydro Geschäftsführung und Mitglied der Konzerngeschäftsführung. (v.l.)

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Als Keynote-Redner sprach Dr. Otto Pirkner, Vorsitzender der ARGE Wasserkraft innerhalb der Eurelectric, dem europäischen Verband der Elektrizitätsversorgungsunternehmen in Brüssel über die Bedeutung und die Perspektiven der Wasserkraft.

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Nette Abendunterhaltung und gepflegtes Networking stand bis in die späteren Abendstunden auf dem Programm.

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Bis März war Josef Lampl Geschäftsführer bei Kössler, in seiner Festrede wünschte er Robert Schuhmayer für die Nachfolge alles Gute.

Foto: Kössler

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Nach dem Besuch des Donaukraftwerks Melk ging es auf eine gemütliche Bootsfahrt durch die schöne Wachau.

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