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Lang gehegter Wasserkraftraum erfüllt

Johann Pollinger aus dem österreichischen Mautern hat mit dem Bau des Kleinwasserkraftwerks an der Liesing einen persönlichen Traum realisiert. Seit April 2013 produziert ...

die Anlage 1,4 GWh ökologischen Strom. Für den landwirtschaftlichen Eigenbedarf sind ca. 25.000 kWh eingeplant, der Rest wird in das öffentliche Netz des steirischen Energielieferanten STEWEAG eingespeist. Während das Kraftwerksprojekt für den Betreiber Neuland bedeutet, gab es für das Unternehmen WWS Wasserkraft GmbH & Co KG eine echte Premiere: Die erste in Österreich installierte Kaplan-Split-Rohrturbine. Damit ist die Firmenhistorie des oberösterreichischen Wasserkraft-Unternehmens um ein weiteres Erfolgskapitel reicher.

Der Landwirtschaftsbetrieb von Johann Pollinger kann auf eine imposante Hofgeschichte verweisen. Seit über 460 Jahren wird hier in Mautern an der Liesing über Generationen der Bauernhof bewirtschaftet. Mit seiner Ehefrau Maria und dem Sohn betreibt die Familie Pollinger unter anderem eine Milchproduktion mit vierzig Kühen. Abseits der klassischen Bewirtschaftung erwog der gestandene Landwirt schon seit längerem eine Energieversorgung aus eigenen Ressourcen.
Jahrelang wägte Pollinger die Vor- und Nachteile einer möglichen Kleinwasserkraftanlage ab. Diverse Überlegungen hinderten ihn noch bis vor kurzem an der Projektumsetzung. Seit es aber für die Wasserkraftbetreiber in Österreich eine zugesicherte Abnahme des produzierten Stromes gibt, war die Entscheidung für Johann Pollinger schlussendlich gefallen. So begann er im Jahre 2012 die ersten Schritte in Richtung Kraftwerksbau an der steirischen Liesing zu setzen.

Alles aus einer Hand
„Immer, wenn ich auf meinem Grundstück unterwegs war und die Liesing erblickte, dachte ich mir, dass dort ein Wasserkraftwerk einfach hingehört“, erinnert sich Johann Pollinger zurück. Lange Zeit hatte der Landwirt diese Idee mit sich herumgetragen, bis er sie nun schließlich in die Realität umsetzte. Nach der Planung, die zwei Jahre beanspruchte, erfolgte die Einreichung im März 2012. Nachdem der positive Bescheid vorlag, startete im Herbst der Baubeginn. Bei der Vergabe der einzelnen Baulose entschied sich der Betreiber für das Unternehmen WWS Wasserkraft GmbH & Co KG aus dem oberösterreichischen Neufelden. „Mit WWS habe ich nur einen Ansprechpartner und das erleichtert die Sache ungemein. Die dabei involvierten Firmen WWT Wasserkraft Planungsbüro Wagner und Seamtec arbeiten ja sehr eng miteinander zusammen und somit läuft im Grunde alles und vor allem reibungslos über WWS ab“, zeigt sich Pollinger mit der Wahl zufrieden. „Für uns war es ein ganz besonderes Projekt, da wir während der gesamten Laufzeit in sehr engem Kontakt mit dem Kunden und den anderen beteiligten Firmen waren“, unterstreicht Projektleiter Lukas Wögerbauer die sehr gute Zusammenarbeit.

Wachsende Kooperation
Nach längerem und intensivem Kennenlernen entschied sich der Betreiber nicht nur die Turbine samt Steuerung beim oberösterreichischen Unternehmen in Auftrag zu geben, schlussendlich schenkte Pollinger der Firma auch das Vertrauen in der kompletten Stahlwasserbau-Umsetzung. Ein wohl überlegter Schachzug: „Somit konnten viele Schnittstellenprobleme von uns schon im Vorfeld ausgeschlossen werden. Weiters wurde bei der Planung des Einlaufgebäudes in Kooperation mit dem Planungsbüro eine optimale Lösung gefunden. Darüber hinaus haben wir für das Krafthaus die komplette Planung übernommen“, so Wögerbauer. Im September begann man mit dem Aushub für die Wehranlage. Bei der Verlegung der Rohrleitung legte der Landwirt mit dem betriebseigenen Bagger sogar selbst Hand an und half dabei tatkräftig mit, als die GFK-Rohre auf einer Länge von 480 Metern im Erdreich montiert wurden. Da keinerlei Grundwasserproblematik auftrat, konnten die Montagen komplett im Trockenen sehr zügig durchgeführt werden. Die dafür verwendeten Rohre des Typs DN2000 und DN2200 wurden vom oberösterreichischen Unternehmen Geotrade angeliefert.

Wehranlage erhält Restwasserturbine
Im Herbst 2012 erfolgte der Baustart der Wehranlage samt Fischwanderhilfe. Auch hier gingen die Arbeiten sehr flott voran und konnten bis Mitte Dezember komplett fertiggestellt werden. Das Wehr verfügt über eine Fallhöhe von 2,5 Meter und ist mit einer 13 Meter langen Stauklappe ausgerüstet. Der Grundablass ist mit einer Breite von fünf Metern sehr großzügig gewählt, und so sind größere Probleme bei umfangreichen Verunreinigungen mehr oder weniger ausgeschlossen. Die vier Meter breite Spülklappe ist für die Begebenheiten dementsprechend dimensioniert worden. Auch der Horziontalrechen ist mit 12 Metern in der Breite den Begebenheiten bestens angepasst. Zu der Wehranlage gesellt sich noch eine Restwasserturbine, die beim Fischaufstieg am rechten Ufer ihre Arbeit verrichten wird. Für Mai 2014 ist die Anlieferung und Inbetriebnahme anvisiert. Bei der Turbinenwahl gab es anfangs noch diverse Überlegungen: „Wir haben dabei auch an eine Installation einer Wasserschnecke gedacht, jedoch entschied ich mich dann für eine günstigere und einfach geregelte Kaplan-Turbine“, erklärt Pollinger. Nach erfolgter Inbetriebnahme der Zweitturbine werden dann noch zusätzlich ca. 160.000 kWh Strom im Jahr produziert.

Österreichische Premiere für WWS
Im knapp 500 Meter von der Wehranlage entfernten Krafthaus ging für die Firma WWS Wasserkraft GmbH & Co KG eine echte Premiere über die Bühne. Noch nie hat man vorher in Österreich eine Kaplan-Split-Rohrturbine installiert.
„Kurz nach den Weihnachtsfeiertagen war das Krafthaus soweit fertiggestellt, dass wir im Jänner 2013 die komplett vormontierte Turbinen-Anlage in sechs Meter Tiefe installieren konnten. Durch die Vormontage der Kernkomponenten waren die finalen Arbeiten direkt im Krafthaus in nur zwei Tagen erledigt. Durch genaues Abstimmen der Terminpläne zwischen den Baufirmen und uns konnten wir die Einbauteile beim Einlauf direkt in die Schalungen setzen. Das hat den immensen Vorteil, dass keine Aussparungen in den Wänden erforderlich sind“, so Wögerbauer. Für gewöhnlich sind solche Aussparungen für den Einbau der Komponenten eingeplant. Nach der erfolgten Montage werden diese und die Stahlbauteile anschließend mit Vergussbeton gefüllt.
„Es hat sich aber gezeigt, dass es häufig zu Rissbildungen zwischen Erstbeton und Vergussmasse kommt und der Beton schließlich zu brechen beginnt. Dieses mögliche Problem konnten wir durch das direkte Versetzen im Erstbeton ausschließen“, erläutert Wögerbauer von WWS Wasserkraft GmbH & Co KG die Gründe für die gewählte Vorgehensweise.

Endmontagen und Probebetrieb
Im März 2013 folgte die Montage der beiden letzten Großkomponenten: Der Generator von Hitzinger und die Stauklappe beim Einlauf wurden von den Technikern in knapp zwei Wochen installiert und für den anschließenden Probebetrieb vorbereitet. Der Asynchrongenerator hat ein Leistungsvolumen von 400 kVA bei 426 U/min und ist fix in das Turbinenrohr eingeflanscht. Bei der erstmaligen Inbetriebnahme gab es keine größeren Probleme und die Kaplan-Split-Rohrturbine, die auf einen Nenndurchfluss von 6 m³/s ausgelegt ist, feierte ihre erfolgreiche Feuertaufe. Die Anlage bringt es auf eine Nennleistung von 320 kW. Im Testbetrieb hat sich aber gezeigt, dass noch Reserven vorhanden sind bzw. das Laufrad mit 1,1 Meter Durchmesser auch bei wenig Wasser gut läuft. In den trockenen Monaten August und September des Jahres 2013 erbrachte die Maschine zwar nur noch eine Leistung von 75 bis 80 kW, dennoch musste die Turbine auch in Zeiten von Wasserknappheit nie ausgeschalten werden.

Volle Leistung
Am 10. April 2013 erfolgte schließlich auch die Einspeisung in das öffentliche Netz der STEWEAG. Im Jahr produziert das Ausleitungskraftwerk an der Liesing 1,4 GWh bzw. nach erfolgter Installation der Restwasserturbine insgesamt knapp 1,6 GWh. Nach Abzug des Eigenbedarfs für den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie Pollinger können so ca. 325 Haushalte mit grüner Energie versorgt werden. Die erfolgreiche Umsetzung hatte auch für WWS Wasserkraft GmbH & Co KG eine sehr große Bedeutung. „Da es für uns die erste Kaplan-Split-Rohrturbine in Österreich war und wir darüber hinaus auch die komplette Stahlwasserbauausrüstung anfertigten, hatte dieses Projekt absolute Priorität. Auch aufgrund der enormen Bauteilgrößen, die via Sondertransporte angeliefert wurden, waren einige neue und sehr wichtige Erfahrungen für uns dabei. Nicht zuletzt wegen des sehr persönlichen und freundschaftlichen Umgangs mit dem Kunden war es für mich selbst ein sehr angenehmes Projekt und eine Baustelle, auf der man auch gerne eine Stunde länger verbrachte als eigentlich erforderlich. Der freundschaftliche Umgang mit allen Beteiligten machte sich besonders beim Klären von auftretenden Unstimmigkeiten bemerkbar“, zeigt sich Projektleiter Lukas Wögerbauer vollen Lobes.

Letzte Feinabstimmungen und Optimierungen
Bis zur endgültigen Fertigstellung des Kraftwerks Pollinger in Mautern werden noch wenige Details vervollständigt. So arbeiten gerade die Techniker von Seamtec an der Optimierung der brandneuen Software der Steuerungselektronik, damit die Turbine die bestmögliche Leistung erbringt. Im Mai 2014 erfolgt noch die Einhebung der Restwasserturbine und danach steht die finale Kollaudierung auf dem Programm. Insgesamt hat Johann Pollinger für die Umsetzung des Projektes rund 1,8 Millionen Euro investiert. Neben den wirtschaftliche Aufwendungen war es vor allem auch ein sehr zeitintensives Arbeiten. Dank des unermüdlichen Einsatzes seiner Ehefrau Maria und seinem Sohn konnte sich der frischgebackene Wasserkraftbetreiber hundertprozentig darauf verlassen, dass der Hof in dieser Zeit nie zu kurz kam und die tagtäglich anfallenden Arbeiten auch stets zuverlässig von seiner Familie erledigt wurden.


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