Südtiroler Wasserkrafttechnik besteht Bewährungsprobe in Transsylvanien

Autor: Roland Gruber , 19.08.2016

Nach wie vor gilt Rumänien als eines der interessantesten Wasserkraftländer Europas. Gerade in den letzten zehn Jahren sind hier zahlreiche neue Kraftwerke realisiert worden.

Und dies zu einem großen Teil mit Technik und Know-how aus den Alpen. Das trifft auch auf das neue Kleinkraftwerk Baru in Siebenbürgen zu, welches von einem erfahrenen Wasserkraftspezialisten aus den Dolomiten ausgerüstet wurde: Die Firma Tschurtschenthaler aus dem Südtiroler Sexten lieferte neben dem Stahlwasserbau auch die zwei-düsige Peltonturbine für die Anlage mit rund 1 MW Leistung. Sämtliche Bewährungsproben bis zur erfolgreichen Inbetriebnahme vergangenes Jahr konnte das Familienunternehmen souverän meistern.

Im Anschluss an die Liberalisierung des rumänischen Strommarkts 2004 gewann der Ausbau der Kleinwasserkraft im Land rasch an Dynamik. Zwar ist der anfängliche Schwung aus mehrerlei Gründen in den letzten Jahren wieder ein wenig abgeflaut, dennoch zählt Rumänien nach wie vor zu den interessantesten Wasserkraftländern Europas. Schließlich stellen sich die Voraussetzungen nachgerade ideal dar, das Potenzial ist dank der vorherrschenden Topographie und dem Wasserreichtum enorm. Das theoretische Erzeugungspotenzial, kalkuliert auf Basis von 30-jährigen Messdaten, liegt bei sagenhaften 70 TWh. Knapp die Hälfte davon sind nach Angaben der rumänischen Kleinwasserkraft- Vereinigung ROSHA technisch und ökologisch realisierbar.

Gemeinde mit Wasserreichtum
Eines der jüngsten der erfolgreich verwirklichten Kleinkraftwerksprojekte findet sich in der Gemeinde Baru im Landkreis Hunedoara in Siebenbürgen. Die alte deutsche Übersetzung des Namens lautet übrigens Gross-Elephant, wobei diese Namensfindung nicht eindeutig erklärt werden kann. Die Gemeinde, deren wirtschaftliche Standbeine die Baustoffindustrie, der Manganerzabbau, sowie der Fremdenverkehr bilden, liegt eingebettet in der historischen Region Hatzeger Land zwischen dem Sureanu-Gebirge im Nordosten und dem Retezat im Südwesten. Hohe Gipfel aber auch sanfte Hügel prägen das landschaftlich reizvolle Panorama. Baru genießt auch den Vorzug großen Wasserreichtums. In der Gemeinde fließen die drei Gewässer Petros, Munceul und Crivadia, die in ihrem weiteren Verlauf zur bekannten Strell werden.

Weniger bekannt ist der kleine Gebirgsfluss Barisor. An diesem wurde nun das neue Kleinwasserkraftwerk Baru errichtet – eine Anlage, die modernste und zugleich hoch robuste Wasserkrafttechnik in sich vereinigt. Wesentlich verantwortlich für die erfolgreiche Umsetzung war dabei die Firma Tschurtschenthaler aus Sexten, die ihren guten Ruf zusehends mehr auch außerhalb Mittel- und Zentraleuropas bestätigt.

Flexibilität überzeugt Investor
Konkret handelt es sich beim KW Baru um ein Hochdruckkraftwerk, das sein Triebwasser über ein Tirolerwehr, welches ebenfalls von der Firma Tschurtschenthaler geliefert wurde, fasst. Nach dem Entsanderbauwerk gelangt das Wasser in die Druckrohrleitung. Diese wurde aus GFK-Rohren DN600 errichtet und vollständig unterirdisch verlegt. Über beachtliche 5,2 km erstreckt sich die Rohrleitung von der Fassung bis zum Krafthaus. Darin befindet sich ein moderner Maschinensatz – bestehend aus einer zwei-düsigen Peltonturbine aus dem Hause Tschurtschenthaler und einem Marelli-Synchrongenerator. Ausgelegt wurde die Turbine von den Südtiroler Wasserkraftspezialisten auf eine Ausbauwassermenge von 520 l/s und eine Fallhöhe von 252 m. Dabei erreicht die moderne Hochdruckturbine eine Nennleistung von 1.060 kW.
Warum sich der Kunde – ein italienischer Wasserkraft-Investor – für die Technologie aus dem Hause Tschurtschenthaler entschieden hatte, beruhte auf mehreren Gründen: Zum einen gefiel dem Investor die hohe Flexibilität des Südtiroler Turbinenbauers, der trotz voller Auftragsbücher eine Lieferzeit von vier Monaten garantieren konnte. Darüber hinaus war er auch prompt von der hohen Qualität der Produkte angetan, speziell nachdem er sich zwei kürzlich in Südtirol realisierte Referenzanlagen angesehen hatte. Und nachdem er sich persönlich von den bekannten Handschlagqualitäten im Haus Tschurtschenthaler überzeugen konnte, war der Auftrag unter Dach und Fach.

Laufrad mit spezieller Lagerung
Dennoch erwies sich die Abwicklung des Projektes als keineswegs einfach. Vor allem logistische Probleme beim Transport wurden zur Herausforderung. „Die Straßenverhältnisse in dieser Region waren zum Teil eben unzureichend. Einmal standen wir vor dem Problem, dass eine Brücke zu klein war. Sie musste letztlich großräumig umfahren werden“, erzählt die Geschäftsleitung Tschurtschenthaler. Die Montage verlief im weiteren Verlauf aber vollkommen reibungslos. Dank eines italienisch und rumänisch sprechenden Ingenieurs vor Ort funktionierte die Baustellenkoordination einwandfrei. Bei der technischen Konstruktion der neuen Anlage wurde einmal mehr auf die altbewährte 4-Lager-Anordnung zurückgegriffen. Diese ist zwar technisch etwas aufwändiger, aber grundsätzlich unkomplizierter, wie die langjährige Betriebserfahrung zeigt. Anlagen dieser Bauweise laufen bereits seit einigen Jahrzehnten ohne jegliche Reparaturen.

Für die Firma Tschurtschenthaler stellte der Auftrag im rumänischen Transsylvanien keineswegs ein „Abenteuer“ dar, vielmehr zeigte das mittelständische Wasserkraftunternehmen aus den Dolomiten, dass sich seine Technik auch an den Gewässern Siebenbürgens hervorragend bewährt.
Mittlerweile liebäugelt man mit weiteren Projekten in der so wasserreichen Gegend, wenngleich Investoren und Wasserkraftbetreiber heute immer häufiger von einem sehr hohen bürokratischen Aufwand und gewissen Risiken sprechen. Jene Faktoren, die der großen Dynamik am rumänischen Kleinwasserkraftmarkt aktuell ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen.

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Eine zwei-düsige Peltonturbine aus Südtiroler Herstellung bewährt sich in neuem rumänischen Kleinwasserkraftwerk Baru in Siebenbürgen.

Foto: Tschurtschenthaler

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Das neue Krafthaus in der Gemeinde Baru in Siebenbürgen.

Foto: Tschurtschenthaler

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Die Wasserfassung wurde einfach und gut überlegt realisiert. Nicht immer müssen hochmoderne Konstruktionen die Ideallösung sein. Die Stauklappe stammt auch von der Firma Tschurtschenthaler.

Foto: Tschurtschenthaler